Eine Einladung zum Staunen
Manchmal reicht ein einziger Gedanke, um etwas in uns anzustoßen.
So ging es mir, als eine liebe Arbeitskollegin und Freundin von „Ent-Wicklung“ sprach. Dieses Wort hat mich sofort berührt und seitdem nicht mehr losgelassen.
Denn eigentlich ist es doch ein schönes Bild: Wir kommen auf die Welt wie ein kleines Bonbon. In uns steckt bereits eine ganz eigene Mischung aus Eigenschaften, Begabungen und Möglichkeiten.
Und dann werden wir eingewickelt.
Schicht für Schicht
Unsere Eltern schenken uns Liebe, Geborgenheit und vieles, was uns im Leben Halt gibt. Sie vermitteln uns Werte und geben uns ihre Erfahrungen mit auf den Weg. Gleichzeitig prägen uns auch ihre Vorstellungen davon, was richtig, wichtig oder wünschenswert ist.
Später kommen Schule, Freunde, Gesellschaft und unsere eigenen Erfahrungen hinzu.
Schicht für Schicht entsteht so unsere ganz persönliche Verpackung.
Manche Seiten unseres Wesens werden dabei gefördert und bestärkt. Andere bekommen weniger Raum, weil sie vielleicht nicht so gefragt sind oder nicht ins gewohnte Bild passen.
Und irgendwann glauben wir, dass wir eben so sind, wie wir uns kennen.
Stimmt das eigentlich?
Was noch alles in uns steckt
Vielleicht steckt ja noch viel mehr in uns, als wir bisher ahnen.
Manchmal bringt uns eine Begegnung, ein Erlebnis oder einfach eine neue Lebensphase dazu, genauer hinzuschauen. Wir entdecken Eigenschaften, die uns selbst überraschen. Wünsche, die wir bisher kaum wahrgenommen haben. Oder Fähigkeiten, die wir uns nie zugetraut hätten.
Und plötzlich merken wir: Hoppla, das bin ja auch ich!
Natürlich fühlt sich nicht alles gleich vertraut an. Was lange im Verborgenen lag, konnte schließlich noch nicht so richtig wachsen und reifen. Da darf man ruhig ein bisschen unbeholfen sein.
Wie schön, wenn wir diesen Seiten eine Chance geben!
Die vertraute Hülle
Das Auswickeln hat zugleich seine Herausforderungen.
Denn unsere Verpackung hat ja durchaus ihren Sinn. Sie schützt uns, gibt uns Sicherheit und hilft uns, unseren Platz zu finden. Ohne sie fühlen wir uns vielleicht erst einmal ziemlich verletzlich.
Und auch unser Umfeld kann ins Staunen geraten. Schließlich kennen uns die anderen vor allem so, wie wir bisher waren. Wenn wir plötzlich anders reagieren, neue Wünsche äußern oder ungewohnte Wege gehen, kann das schon mal für Verwunderung sorgen.
Vielleicht möchten wir dann die vertraute Hülle lieber wieder ein Stück zurechtrücken.
Und manchmal tun wir genau das. Schließlich gibt uns das Vertraute Sicherheit.
Im eigenen Tempo
Mit jeder neuen Erfahrung kann unser Vertrauen wachsen, uns ein Stück weiter auszuwickeln. Mal geht das ganz leicht, mal braucht es etwas länger. Und manche Schicht begleitet uns vielleicht noch eine ganze Weile.
Ent-Wicklung hat eben ihr ganz eigenes Tempo.
Dabei dürfen wir ruhig dankbar auf unsere Verpackung schauen. Vieles, was wir mitbekommen haben, ist wertvoll und gehört zu uns. Es geht ja gar nicht darum, alles hinter uns zu lassen.
Vielmehr dürfen wir neugierig werden, was sonst noch in uns steckt. Was wir behalten möchten, was vielleicht nicht mehr zu uns passt und welche bislang wenig beachteten Seiten endlich etwas mehr Platz bekommen dürfen.
Auf unserer lebenslangen Entdeckungsreise
Und das Schöne ist: Damit werden wir wohl nie fertig.
Wir können ein Leben lang Neues an uns entdecken. Und auch das, was wir gerade erst kennenlernen, darf wachsen und reifen.
Vielleicht ist Ent-Wicklung also gar keine Aufgabe, die wir irgendwann erledigt haben. Sondern eine lebenslange Entdeckungsreise.
Mit Neugierde, Wertschätzung und einer guten Portion Liebe zu uns selbst.
Und vielleicht bekommen wir ja gerade ein wenig Lust, ganz vorsichtig an der nächsten Ecke unseres Bonbonpapiers zu ziehen. Einfach, um zu staunen, was darunter zum Vorschein kommt.