Drei Sichtweisen auf einen besonderen Moment im Fußball
– und die Frage, ob Fairplay und Wertschätzung auch für die Kinder am Anstoßkreis gelten.
Die Mannschaften betreten den Rasen. Das Stadion ist voller Menschen, die Kameras sind auf die Spieler*innen gerichtet. Neben ihnen laufen Kinder, manchmal aufgeregt, manchmal stolz, manchmal auch ein wenig eingeschüchtert von der großen Kulisse.
Für viele von ihnen ist es ein besonderer Moment. Vielleicht haben sie lange darauf gewartet, einmal neben ihrem Lieblingsspieler oder ihrer Lieblingsspielerin ins Stadion einzulaufen.
Doch was passiert, wenn die Mannschaften ihre Plätze einnehmen, die Kapitän*innen zur Seitenwahl zusammentreffen und das Schiedsrichterteam den Spielbeginn vorbereitet?
Manchmal steht dort noch ein Kind, das den Spielball gebracht hat.
Die Erwachsenen begrüßen einander, reichen sich die Hände, tauschen ein paar Worte aus.
Und das Kind?
Es wird möglicherweise übersehen.
Dabei steckt hinter dieser scheinbar kleinen Beobachtung eine größere Frage: Sind Kinder bei solchen Veranstaltungen wirklich Beteiligte – oder vor allem Teil der Inszenierung?
Am Anstoßkreis: Alle werden begrüßt. Wirklich alle?
Die Kapitän*innen der Mannschaften stehen bereit, das Schiedsrichterteam bereitet die Seitenwahl vor. Es werden Hände geschüttelt, kurze Worte gewechselt, vielleicht klopft jemand seinem Gegenüber auf die Schulter.
Diese Gesten gehören zum Fußball. Sie stehen für Fairplay, Respekt und die gegenseitige Anerkennung der Beteiligten.
Und manchmal steht mitten in diesem Geschehen noch ein Kind, das den Spielball auf den Rasen gebracht hat.
Die Erwachsenen begrüßen sich. Das Kind steht daneben.
Vielleicht schaut es erwartungsvoll zu den Spieler*innen oder zu den Schiedsrichter*innen. Vielleicht streckt es sogar vorsichtig die Hand aus. Doch niemand bemerkt es.
Was für die Erwachsenen ein kurzer, routinierter Augenblick ist, kann für das Kind eine besondere Bedeutung haben.
Gerade hier zeigt sich, ob wir Kinder wirklich als Teil der Gemeinschaft wahrnehmen oder ob ihre Beteiligung dort endet, wo die eigentlichen Rituale der Erwachsenen beginnen.
Dabei wäre es so einfach, sie einzubeziehen: ein freundlicher Blick, ein angebotener Handschlag, ein Abklatschen oder ein kurzes „Danke, dass du dabei bist“.
Nicht als zusätzliche Pflichtübung. Sondern als selbstverständlicher Ausdruck von Wertschätzung.
Wenn wir am Anstoßkreis Fairplay und Respekt sichtbar machen, sollten diese Werte auch für die Kinder gelten, die unmittelbar neben uns stehen.
Betrachten wir diesen Moment aus drei unterschiedlichen Perspektiven.
Perspektive Kind: Bin ich wirklich gemeint?
Stellen wir uns ein Kind vor, das an diesem Tag den Spielball auf den Rasen tragen darf.
Vielleicht hat es sich schon Tage vorher darauf gefreut. Vielleicht haben die Eltern Fotos gemacht, vielleicht haben Freund*innen gefragt, wie es sich anfühlt, einmal so nah an den Fußballstars zu sein.
Jetzt steht es mitten im Stadion.
Die Geräusche sind laut, die Abläufe ungewohnt und die Erwachsenen um es herum wirken beschäftigt.
Vielleicht möchte das Kind jemandem die Hand geben. Vielleicht hofft es auf ein Lächeln oder darauf, dass eine Kapitänin kurz mit ihm spricht.
Und dann beobachtet es, wie sich alle Erwachsenen gegenseitig begrüßen.
Nur es selbst bleibt außen vor.
Was mag in diesem Moment in ihm vorgehen?
Vielleicht ist es enttäuscht. Vielleicht fühlt es sich unsicher. Vielleicht fragt es sich, ob es überhaupt noch dazugehört.
Vielleicht nimmt es die Situation aber auch gar nicht als unangenehm wahr.
Denn Kinder erleben solche Augenblicke unterschiedlich. Wir können nicht einfach voraussetzen, dass alle Kinder dieselben Erwartungen oder Gefühle haben.
Nicht jedes Kind sucht Aufmerksamkeit, und nicht jedes möchte vor laufenden Kameras angesprochen oder berührt werden.
Entscheidend ist deshalb nicht, dass jedes Kind unbedingt einen Handschlag bekommt.
Entscheidend ist, dass Erwachsene wahrnehmen, wie es dem einzelnen Kind in diesem Moment geht und was es braucht.
Ein freundlicher Blick kann genügen. Ein kurzes „Danke, dass du dabei bist“ vielleicht auch.
Und wenn ein Kind lieber Abstand halten möchte, verdient dieser Wunsch ebenso Respekt.
Kinder möchten nicht nur gesehen werden, weil sie auf einem Foto gut aussehen oder Teil einer schönen Stadionchoreografie sind.
Sie möchten als Menschen wahrgenommen werden.
Perspektive Familie: Ein großer Tag für unser Kind
Für Familien kann die Teilnahme als Einlaufkind ein ganz besonderes Erlebnis sein.
Vielleicht spielt das Kind selbst im Verein, begeistert sich seit Jahren für Fußball oder hat sich die Teilnahme schon lange gewünscht.
Die Vorfreude ist groß. Es werden Trikots vorbereitet, Erinnerungsfotos gemacht und Geschichten erzählt, die noch lange nach dem Spiel in der Familie lebendig bleiben.
Natürlich wünschen sich Eltern und andere Bezugspersonen, dass ihr Kind diesen Tag in guter Erinnerung behält.
Vielleicht verfolgen sie von der Tribüne aus, wie es den Rasen betritt und schließlich am Anstoßkreis steht.
Sie sehen, wie sich die Erwachsenen begrüßen, wie Hände geschüttelt werden und wie ihr Kind unmittelbar danebensteht.
Vielleicht wünschen sie sich in diesem Augenblick einfach, dass auch ihr Kind einen freundlichen Blick oder eine kleine Geste der Anerkennung bekommt.
Nicht, weil es im Mittelpunkt stehen muss. Sondern weil es dazugehört.
Doch für Familien beginnt ein gelungenes Erlebnis schon lange vor dem Einlaufen.
Wie wird das Kind empfangen? Weiß es, was auf es zukommt? Gibt es jemanden, der ihm den Ablauf erklärt und bei Unsicherheit hilft? Kann es Fragen stellen? Und was passiert, wenn es sich plötzlich doch nicht mehr traut?
Gerade in einer großen, lauten und ungewohnten Umgebung brauchen Kinder verlässliche Begleitung.
Auch Familien benötigen klare Informationen darüber, wer die Kinder betreut, wo sie sich aufhalten und wie sie nach dem Einlaufen wieder zu ihren Bezugspersonen zurückkommen.
Dabei sollte der besondere Moment nicht zu einer zusätzlichen Erwartung werden.
Ein Kind muss nicht begeistert aussehen, nur weil die Erwachsenen sich über die Gelegenheit freuen. Es muss auch niemandem die Hand geben oder für ein Foto posieren, wenn es das nicht möchte.
Vielleicht ist für das Kind der größte Augenblick tatsächlich das Einlaufen. Vielleicht ist es aber auch die Erleichterung, anschließend wieder bei seiner Familie zu sein.
Beides darf sein.
Ein gelungenes Erlebnis ist nicht unbedingt dasjenige mit dem schönsten Erinnerungsfoto, sondern eines, bei dem sich das Kind wohl und sicher gefühlt hat.
Perspektive Verein und Veranstaltende: Fairplay beginnt nicht erst mit dem Anpfiff
Für Fußballvereine und Veranstaltende gehören Einlaufkinder häufig zum festen Ablauf eines Spieltags.
Sie stehen für Begeisterung, Nachwuchs, Gemeinschaft und die Verbindung zwischen dem Profifußball und seinen jungen Fans.
Solche Rituale können Kindern wertvolle Erfahrungen ermöglichen.
Doch gerade weil sie öffentlichkeitswirksam sind, entsteht eine besondere Verantwortung.
Kinder dürfen nicht auf ihre Rolle als sympathische Begleitung der Erwachsenen reduziert werden.
Es reicht deshalb nicht, ihnen ein Trikot anzuziehen, ihren Platz zuzuweisen und sie anschließend möglichst reibungslos aus dem Stadioninnenraum zu führen.
Vielmehr stellt sich die Frage, wie die gesamte Situation aus Sicht der Kinder gestaltet wird.
Und dazu gehört ausdrücklich auch der Moment am Anstoßkreis.
Wenn Kapitän*innen und Schiedsrichter*innen einander durch das Shake-Hands-Ritual Respekt erweisen, warum sollten die beteiligten Kinder dabei übersehen werden?
Gerade diese kleine Geste könnte zeigen, dass Fairplay nicht nur zwischen den Erwachsenen gilt.
Natürlich stehen die Spieler*innen unmittelbar vor einem sportlichen Wettbewerb. Konzentration, feste Abläufe und Zeitdruck gehören dazu.
Dass ein Kind einmal übersehen wird, muss deshalb keine bewusste Missachtung sein.
Viele Spieler*innen und Schiedsrichter*innen begegnen Kindern bereits mit großer Herzlichkeit und Aufmerksamkeit.
Gerade aus diesen positiven Beispielen lässt sich lernen.
Ein kurzer Blickkontakt, eine freundliche Begrüßung oder ein Dankeschön könnten selbstverständlich zum Ablauf gehören.
Und vielleicht wäre es sinnvoll, die Kinder bei der Seitenwahl nicht nur als Überbringer*innen des Spielballs zu betrachten, sondern ihnen einen nachvollziehbaren und wertschätzenden Abschluss ihrer Aufgabe zu ermöglichen.
Das braucht nicht unbedingt zusätzliche Minuten.
Es braucht vor allem Aufmerksamkeit.
Beteiligung statt bloßer Inszenierung
Vereine und Verbände könnten noch einen Schritt weitergehen und Kinder selbst fragen, wie sie das Einlaufen erleben.
Was war besonders schön? Was war unangenehm? Was hätten sie sich gewünscht?
Solche Rückmeldungen könnten helfen, Abläufe kindgerechter zu gestalten.
Auch die Frage, welche Kinder überhaupt teilnehmen können, verdient Aufmerksamkeit. Wenn Teilnahmemöglichkeiten mit hohen Kosten, bestimmten Voraussetzungen oder schwer zugänglichen Auswahlverfahren verbunden sind, können Kinder ausgeschlossen werden.
Ein inklusives Angebot sollte deshalb unterschiedliche Lebenssituationen und Unterstützungsbedarfe berücksichtigen.
Dazu gehören barrierefreie Zugänge, geeignete Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder mit Behinderungen und eine Begleitung, die auf individuelle Bedürfnisse eingehen kann.
Selbstverständlich braucht es auch verlässliche Schutz- und Betreuungskonzepte.
Wer bereitet die Kinder auf den Ablauf vor? Wer begleitet sie? Wer erkennt, wenn ein Kind überfordert ist? Können Kinder selbst entscheiden, ob sie an bestimmten Gesten teilnehmen möchten?
Denn Kinderfreundlichkeit zeigt sich nicht nur darin, dass Kinder anwesend sein dürfen, sondern darin, wie ihre Bedürfnisse, Rechte und Grenzen berücksichtigt werden.
Was die drei Sichtweisen miteinander verbindet
Aus der Perspektive des Kindes geht es darum, gesehen und ernst genommen zu werden.
Aus der Perspektive der Familie geht es um ein schönes, sicheres und selbstbestimmtes Erlebnis.
Aus der Perspektive der Vereine und Veranstaltenden geht es um Verantwortung, verlässliche Abläufe und die Möglichkeit, Kinder tatsächlich einzubeziehen.
Diese Anliegen widersprechen sich nicht.
Im Gegenteil: Sie können sich gegenseitig ergänzen.
Wenn Kinder gut vorbereitet sind, Familien Vertrauen in die Betreuung haben und alle Beteiligten aufmerksam miteinander umgehen, wird aus einem symbolischen Auftritt eine positive Erfahrung.
Und der Augenblick am Anstoßkreis zeigt besonders deutlich, wie einfach echte Beteiligung manchmal sein kann.
Ein Kind muss nicht im Mittelpunkt stehen, um sich als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen zu fühlen.
Es sollte aber auch nicht unsichtbar werden, sobald die Erwachsenen ihre eigenen Rituale beginnen.
Kleine Gesten, große Bedeutung
Vielleicht ist es nur ein kurzer Augenblick vor dem Anpfiff.
Ein Kind steht neben dem Schiedsrichterteam. Ein*e Kapitän*in reicht dem Gegenüber die Hand. Dann wendet sich die Person auch dem Kind zu, lächelt und bedankt sich.
Vielleicht freut sich das Kind über einen Handschlag. Vielleicht lächelt es zurück. Vielleicht ist es froh, einfach wieder zu seiner Begleitperson gehen zu können.
Wichtig ist nicht die perfekte Geste für die Kamera.
Wichtig ist die Haltung dahinter.
Denn Kinder sind keine Maskottchen, keine Dekoration und keine kleinen Statist*innen im großen Fußballgeschäft.
Sie sind eigenständige Menschen mit Gefühlen, Wünschen und Rechten.
Und das gilt nicht nur für den Profifußball.
Auch bei Vereinsfesten, Schulveranstaltungen, öffentlichen Auftritten und anderen Gelegenheiten, bei denen Kinder beteiligt sind, können wir uns fragen: Geht es gerade um die Kinder – oder vor allem um das Bild, das Erwachsene von ihnen zeigen möchten?
Ein Gedanke zum Schlusspfiff
Als Anhänger von Borussia Mönchengladbach wünsche ich mir selbstverständlich auch für meinen eigenen Verein, dass Kinder bei solchen besonderen Momenten bewusst wahrgenommen und wertgeschätzt werden.
Es geht darum, aus guten Beispielen zu lernen und sie zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen.
Wenn wir am Anstoßkreis Respekt und Fairplay zeigen, dann sollten wir die Kinder, die unmittelbar neben uns stehen, nicht vergessen.
Vielleicht beginnt das schon mit einer einfachen Frage an die Einlaufkinder:
„Wie möchtest du diesen besonderen Moment erleben?“
Und mit einer Haltung, die ihnen vermittelt:
Ich sehe dich. Nicht nur, weil du heute neben mir auf dem Rasen stehst. Sondern weil du wichtig bist.