Ich bin doch nicht normal
Im Gespräch mit meinem Lebensgefährten fiel dieser Satz. So oder so ähnlich. Das brachte uns ins Nachdenken über den Begriff „normal“ und den Umgang damit.
Wikipedia schreibt: „Adjektiv,
- so, wie es allgemein üblich oder gewöhnlich ist oder als üblich und gewöhnlich gesehen wird
- geistig und körperlich gesund“
Wer bestimmt eigentlich, was normal ist?
Vor sieben Jahren begab ich mich nochmal auf den Weg einer Ausbildung. Am EBK in Köln durfte ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Heilpädagogin wundervolle Menschen kennenlernen, mit denen ich einen dreijährigen aufregenden Weg der Selbsterkenntnis und der Blickerweiterung beschritten habe. Kleiner Vermerk nebenbei: Das Lernen und die Selbsterkenntnis hören nicht auf, auch wenn die Ausbildung beendet ist.
In einer der ersten Stunden befanden wir uns mit einer Dozentin im Gespräch über den Begriff „normal“. Es ging darum, uns an einer Definition des Begriffes zu versuchen. In der Heilpädagogik arbeiten wir mit Klienten, die aus der Norm fallen, deren Verhalten nicht „normal“ ist. Daher sei es ein erster wichtiger Schritt, die Norm zu definieren, um Abweichungen dieser klarer feststellen und dokumentieren zu können, meinte die Dozentin.
Schnell wurde deutlich, dass das gar nicht so einfach ist. Wer bestimmt, was normal ist?
Normalität ist abhängig von der Gesellschaft
Nehmen wir zum Beispiel unterschiedliche Sitten beim Essen. In Deutschland wird Wert auf das Nutzen von Messer und Gabel gelegt, während in den USA das Essen zu Beginn in mundgerechte Stücke geschnitten wird, bevor nur noch die Gabel gebraucht wird. In Indien ist die rechte Hand zur Nahrungsaufnahme zu nutzen. Ebenso gibt es Unterschiede beim Aufessen.
Auch das wird in Deutschland leider noch viel zu oft gefordert. In Russland wird so lange nachgereicht, wie der Teller leer gegessen wird. Bleibt ein kleiner Rest liegen, wird das als Zeichen gewertet, dass der Esser gesättigt ist. Auch in Japan entspricht es der Höflichkeit, einen Anstandsrest auf dem Teller zu lassen.
Demnach ist die Norm abhängig von der Gesellschaft, in der wir uns befinden.
Wenn Normen in Zahlen gefasst werden
In der Medizin gibt es klare Vorgaben, Tabellen, Werte und Zahlen, um den Normbereich deutlich zu machen. Mögliche Abweichungen können ebenfalls in Zahlen und Werten dargestellt werden. Schon während der Schwangerschaft wird untersucht, ob der Embryo „normal entwickelt“ ist. Das bleibt auch so, wenn das Kind auf der Welt ist und heranwächst.
Als meine Tochter klein war, fand ihre Kinderärztin sie zu dick. Bei jedem Besuch musste meine Tochter erst einmal auf die Waage, damit ihr Gewicht notiert werden konnte. Völlig unabhängig von ihren aktuellen Beschwerden und Symptomen. Ich möchte hier anführen, dass das Gewicht meiner Tochter im oberen „Normbereich“ lag. Bei meiner Tochter festigte sich im Grundschulalter die Überzeugung, sie sei zu dick.
In mir wuchs der Ärger, und so sprach ich die Kinderärztin beim nächsten Arztbesuch darauf an, im Beisein meiner Tochter. Ich konfrontierte sie damit, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf die seelische und körperliche Gesundheit meiner Tochter hätte, und bestand darauf, dass sie meiner Tochter sagt, dass ihr Gewicht im Normbereich läge. Sie tat es. Danach war das Gewicht meiner Tochter bei Arztbesuchen kein Thema mehr. Trotzdem wirkte es lange nach.
Auch Standards verändern sich
Standards sind durchaus anpassungsfähig. Nehmen wir zum Beispiel die BaSiK-Bögen nach Renate Zimmer. Dabei handelt es sich um die „Begleitende alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung in Kindertageseinrichtungen“. Anhand der standardisierten Bögen können die pädagogischen Fachkräfte in Kitas den Spracherwerb jedes Kindes genau festhalten, das Beobachtete auswerten, Abweichungen erkennen und in Elterngesprächen gezielt darauf hinweisen.
In den letzten Jahren haben sich die sprachlichen Anforderungen an die Kinder geändert, sie haben sich der Norm der Gesellschaft angepasst. Waren Kinder vor einigen Jahren noch auffällig, was ihre Sprache anging, lagen sie damit unterhalb des „Normbereiches“ und galten als behandlungswürdig, so sind dieselben Auffälligkeiten heute im Normalbereich abgedeckt.
Das zeigt, dass die Gesellschaft die Norm, die Normalität vorgibt. Verändert sich der Sprachstand in der ganzen Gesellschaft, werden die Entwicklungs-Dokumentations-Bögen angepasst.
Der Wunsch nach einer „normalen“ Entwicklung
So wünschen sich also die meisten Eltern eine „normale“ Entwicklung für ihr Kind. Alles, was nicht der Norm entspricht, braucht Zeit, viele Gespräche, neue Ideen. Das ist arbeitsintensiv, anstrengend und benötigt auf allen Seiten Bereitschaft, Neues zu wagen. Andere Wege zu gehen.
Wenn es dann doch so sein sollte, dass Kinder außerhalb der Norm unterwegs sind, dann doch bitte lieber drüber als drunter. Die Anstrengungen, andere Wege zu finden, sind dadurch nicht weniger, doch der Blick der anderen auf das „un-normale“ Verhalten ist vielleicht ein anderer, ein wohlwollenderer.
Wollen wir überhaupt normal sein?
Im Gespräch mit meinem Lebensgefährten wurde uns beiden schnell klar, dass wir nicht „normal“ sein wollen. Normal klingt langweilig, angepasst, unauffällig. Wir als Erwachsene wollen individuell und kreativ sein, wollen uns abheben von den anderen, wollen anders sein als die Masse. Spannend. Wann hat sich das so lang verfolgte Ziel der Normalität verändert? Wo in unserem Leben haben wir das hinter uns gelassen?
Und ist das bei allen Menschen so? Oder wünschen sich Menschen, die es schwer haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, ein bisschen mehr wie die Norm zu sein? Um es etwas einfacher zu haben?
So führt eine Frage zur anderen, eine Überlegung zur nächsten …