Mehr als „nur“ ein Umweltthema
Hitze, Luftverschmutzung und Extremwetter treffen Kinder und Jugendliche in besonderer Weise. 81 Organisationen aus Gesundheit, Kinder- und Jugendhilfe, Bildung und Zivilgesellschaft fordern deshalb, das Kindeswohl zum verbindlichen Maßstab von Klimaschutz und Klimaanpassung zu machen. Für Kitas, Schulen und andere Lebensorte von Kindern bedeutet das: Klimaschutz ist längst nicht mehr nur ein Umweltthema.
Mit dem gemeinsamen Positionspapier „Kindeswohl in der Klimakrise – achten, schützen, gewährleisten“ wenden sich 81 Organisationen an Bund, Länder und Kommunen. Getragen wird die Initiative von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), dem Kinderschutzbund, der Bundespsychotherapeutenkammer und dem Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit.
Ihre zentrale Forderung ist ebenso einfach wie weitreichend: Das Kindeswohl soll bei klima- und umweltpolitischen Entscheidungen konsequent berücksichtigt werden.
Dabei benennt das Positionspapier drei miteinander verbundene Aufgaben: Klimaschutz konsequent umsetzen, Klimaanpassung kindgerecht gestalten und Kinder und Jugendliche verbindlich beteiligen. Konkret fordern die beteiligten Organisationen unter anderem verbindliche Hitzeschutzkonzepte für Kitas und Schulen, gesunde und klimaresiliente Lebensräume sowie eine konsequente Berücksichtigung von Kinderrechten bei klima- und umweltpolitischen Entscheidungen.
Von der Klimakrise sind Kinder besonders betroffen
Die Begründung dafür setzt unmittelbar bei den Lebensbedingungen von Kindern an. Hitze, Luftschadstoffe und Extremwetterereignisse können ihre körperliche und psychische Gesundheit beeinträchtigen. Gleichzeitig werden heutige Kinder wesentlich länger mit den Folgen der Klimakrise leben als ältere Generationen.
Prof. Dr. Sabine Andresen, Präsidentin des Kinderschutzbundes, bringt die Verbindung deshalb ausdrücklich auf eine kinderrechtliche Ebene: „Klimapolitik ist deshalb immer auch Kinderrechtspolitik.“ Kinder hätten die Klimakrise nicht verursacht, seien aber besonders lange und schwer von ihren Folgen betroffen.
Damit verändert sich auch die Perspektive auf das, was unter Kindeswohl verstanden wird. Es geht nicht allein darum, Kinder vor unmittelbarer Gewalt, Vernachlässigung oder konkreten Gefährdungen zu schützen. Zu den Bedingungen eines gesunden Aufwachsens gehören ebenso die Räume und Umweltbedingungen, in denen Kinder leben.
Für eine Kita kann diese Frage sehr konkret werden: Wie stark heizen sich Gruppenräume im Sommer auf? Gibt es ausreichend Schatten im Außengelände? Können Kinder auch während längerer Hitzeperioden sicher draußen spielen? Wie klimaresilient sind Gebäude und Außengelände gegenüber Starkregen oder anderen Extremwetterereignissen?
Klimaanpassung gehört in die Lebenswelten von Kindern
Gerade deshalb richtet sich das Positionspapier nicht ausschließlich auf die Verringerung von Treibhausgasemissionen. Ein wesentlicher Teil der Forderungen betrifft die Anpassung an bereits bestehende und künftig zunehmende klimatische Belastungen.
Kitas, Schulen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe werden damit zu wichtigen Orten der Klimaanpassung. Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert in diesem Zusammenhang unter anderem geschulte Fachkräfte und verbindliche Hitzeschutzmaßnahmen in diesen Einrichtungen. Das Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit verweist zugleich auf die besondere Empfindlichkeit von Kindern gegenüber Hitze, Luftschadstoffen und Extremwetter.
Kindgerechte Klimaanpassung ist damit keine abstrakte Zukunftsaufgabe. Sie betrifft Gebäude, Außengelände, Stadtquartiere, Spielplätze, Wege und andere Orte, an denen Kinder ihren Alltag verbringen.
Kinder sollen an diesen Veränderungen beteiligt werden
Die beteiligten Organisationen verbinden Schutz ausdrücklich mit Beteiligung. Kinder und Jugendliche sollen nicht lediglich Adressat*innen von Maßnahmen sein, sondern an Entscheidungen beteiligt werden, die ihre Lebensbedingungen und ihre Zukunft betreffen.
Auch hier beginnt Beteiligung häufig im unmittelbaren Lebensumfeld. Kinder können sehr genau wahrnehmen, wo es auf einem Spielplatz im Sommer unerträglich heiß wird, wo Schatten fehlt, welche Wege angenehm sind oder wo Grünflächen und Natur verschwinden. Solche Wahrnehmungen ernst zu nehmen, verbindet Klimaanpassung mit Kinderrechten und Beteiligung.
Klimaschutz als Grundlage von Kindeswohl
Für Sozialräume e.V., den gemeinnützigen Herausgeber von KitOgata.de, bestätigt die gemeinsame Stellungnahme einen Ansatz, den wir von Beginn an in unserer Arbeit verankert haben: Klimaschutz und der Schutz vor Klimafolgen sind keine vom Kindeswohl getrennten Themen. Wo Hitze, Extremwetter und veränderte Umweltbedingungen Gesundheit, Entwicklung, Teilhabe und zukünftige Lebenschancen von Kindern berühren, werden sie auch zu Fragen des Kindeswohls.
Kinder leben nicht losgelöst von ihrer Umwelt. Ihre Gesundheit, ihre Entwicklungs- und Bewegungsmöglichkeiten und ihre zukünftigen Lebenschancen hängen auch davon ab, welche natürlichen und gebauten Lebensräume Erwachsene ihnen heute hinterlassen. Sozialräume e.V. zählt deshalb ausdrücklich auch Umwelt, Klima und zukünftige Lebensbedingungen zu den Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen.
Die aktuelle Stellungnahme der 81 Organisationen bestärkt uns darin, diesen Zusammenhang von Beginn an nicht als Randthema, sondern als unverzichtbaren Bestandteil unserer Arbeit für das Kindeswohl verankert zu haben.
Ein praktisches Beispiel dafür sind die Umweltentdecker*innen. Das Projekt soll Kindern ermöglichen, ihre unmittelbare Umwelt selbst zu entdecken, zu beobachten und zu verstehen. Dabei können auch Klimafolgen ganz konkret erfahrbar werden – etwa wenn Kinder untersuchen, wie unterschiedlich sich versiegelte und begrünte Flächen aufheizen, wo Schatten entsteht oder was bei Starkregen mit Wasser auf verschiedenen Flächen geschieht. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Angst oder moralischer Druck, sondern Verstehen, Beteiligung und die Erfahrung, selbst etwas gestalten zu können.
Damit bekommt der Satz „Klimaschutz ist Kinderschutz“ eine sehr praktische Bedeutung: Wer sich für das Wohl von Kindern einsetzt, muss auch danach fragen, unter welchen klimatischen und ökologischen Bedingungen sie heute aufwachsen – und unter welchen Bedingungen sie morgen leben werden.
Die gemeinsame Erklärung der 81 Organisationen macht deutlich, dass diese Verbindung zunehmend auch in Gesundheitswesen, Kinder- und Jugendhilfe und Bildung eingefordert wird. Entscheidend wird nun sein, was daraus in den tatsächlichen Lebenswelten von Kindern entsteht: in Kitas und Schulen, auf Spielplätzen, in Wohnquartieren und Kommunen.
Denn ob das Kindeswohl tatsächlich zum Maßstab der Klimapolitik wird, entscheidet sich am Ende auch dort, wo Kinder ihren Alltag verbringen.
Quelle:
- Kinderschutzbund Bundesverband e.V. – Artikel vom 10.09.2026 und vollständiges Positionspapier als Download